Wir wandern heute über die Nauener Platte: Die nördliche Grenze bildet das Berliner Urstromtal mit dem Havelländischen Luch, das zum Naturpark Westhavelland gehört, und die Zehdenick-Spandauer Havelniederung.
Aus Gründen der Streckenführung, die durch eine winterliche und wenig Schutz bietende Offenlandschaft führte, habe ich den ursprünglich angedachten Start von Ketzin auf Wustermark verlegt. Somit sind bis zu unserem Ziel, dem „Historischen Dorf Gannahall“ am Rande von der Funkerstadt Nauen nur noch 15 km zu absolvieren.

Bei Begrüßung der Teilnehmer dankte ich unserem Wanderführer Heiner Majewski für seine Vorwanderung der heutigen Strecke, die er anlässlich des Ostarafestes, das jeweils zur Tag- und Nachtgleiche im März in Gannahall begangen wird, konzipierte. Leider konnte uns Heiner nicht mit seiner Anwesenheit die Ehre geben, da er kurzfristig aus Krankheitsgründen absagen musste.

Am westlichen Ortsrand von Wustermark

Von den ursprünglich gemeldeten 42 Teilnehmern, fanden leider nur noch zehn zum Start am Bahnhof Wustermark. Für unentschuldigt Ferngebliebene habe ich wenig Verständnis. Wir begannen unsere Tour um 12:40 Uhr und verließen Wustermark entlang der Bahntrasse in westlicher Richtung und unterquerten die L204. Kurz darauf bogen wir nach links ab und kamen über die Birkenstraße und den Friedensweg bereits hinein in die Havelländische Feldflur.

Über einen abenteuerlichen Pfad unterquerten wir parallel zum Pelsterlakegraben in gebückter Haltung einen teilweise unter Wasser stehenden Tunnel der Lehrter Bahn und wandten uns dann der kleinen Ortschaft Wernitz zu. Dabei durchbrach langsam die Sonne die immer noch vorhandenen Nebelschwaden, was sehr mystische Landschaftsbilder erzeugte. Der Ort Wernitz war lange mit der Familie von Bredow verknüpft und ein Brand zerstörte 1849 einen Großteil des Dorfes.

Dorfkirche von Wernitz

Über die verlängerte Dorfstraße verließen wir das Örtchen und wanderten auf einem Feldweg bis zu einem Hochsitz, wo eine kleine Trinkpause eingelegt wurde. An unserem weiteren Weg lag nun Markau und Markee. Beides sind Dörfer, deren Namensübertragung auf französischen Ursprung beruht. Die ehemalige Dorfkirche von Markau brannte im dreißigjährigen Krieg bis auf den Kirchturm herunter und wurde 1704 neu erbaut. Leider war der Zutritt zur Kirche nicht möglich, stellt doch die grazile Engelsfigur, die die Kanzel nur auf einem Bein trägt, eine besondere künstlerische Schöpfung dar.

Markee machte bereits 1913 von sich reden, als Arthur Schurig durch Müllverwertung die Felder düngte und den ersten Mähdrescher Deutschlands einsetzte. Hier gefundene Silberbarren deuten auf einen frühen Fernverkehr hin.
Vorbei am versteckt liegenden Mittelsee und über naturbelassene Off-Grid-Abschnitte näherten wir uns bei inzwischen wieder stark aufgekommenem Nebel der einstigen Interzonenstrecke von Berlin nach Hamburg: der B 5. Mit der überschaubaren Gruppe überquerte ich sie auf direktem Weg in einem Pulk.

Dorfkirche von Markee

Nun dauert es nicht mehr lang und wir betreten bei Nebel und zunehmender Dunkelheit die Funkerstadt Nauen. Vorbei an der Havellandklinik, über die Ketziner Straße erreichen wir die Altstadt von Nauen. „Achtung! Achtung! Sie hören jetzt das Nauener Zeitzeichen!“, so tönte es einst im Äther. Nordamerika, Argentinien, Brasilien, Chile, Ägypten, Persien, China, Japan, Niederländisch-Indien, Siam, die Philippinen, Mexiko und Kuba wurden erreicht. Nauen verweist nicht ohne Stolz darauf: ohne diese Pionierarbeit gäbe es heute kein Handy… Eine der alten Funkantennen kann man noch heute bestaunen.

Vorbei am 1891 in norddeutscher Backsteingotik errichteten Rathaus, indem der Bürgermeister einst zehn Prozent seines Verdienstes als Miete für seine Wohnung entrichten musste, gelangten wir zur Stadtkirche St. Jacobi. Sie ist eines der ältesten Bauwerke in Nauen. Ihr Glockenturm weist heute noch die Spuren eines Brandes von 1695 auf. Wir hatten Glück und konnten uns im imposanten Kirchenschiff etwas aufwärmen und die Zeit bis zur Eröffnung des Jul-Festes überbrücken.

In der Stadtkirche von Nauen „St. Jacobi“

Entlang am ehemaligen Postgebäude von 1893 und dem Wasserturm, der heute für Wohnzwecke genutzt wird und einst mit seiner Wassersäule die umliegenden Haushalte mit Frischwasser versorgte, erreichten wir den Bahnhof von Nauen, den Betriebshof von Havelbus und schließlich in der Straße ‚Am Schlangenhorst‘ den Esels- und Lavendelhof, der zu seiner Blütezeit den Eindruck einer kleinen Provence vermittelt.

Pünktlich um 17:00 Uhr betraten wir das in Nebel gehüllte und nachtschwarze Gelände vom historischen Semnonendorf Gannahall. Es legte sich langsam eine mystische Stimmung über das Semnonendorf. Immer mehr ‚Gewandete‘ traten aus der Dunkelheit hervor. Wie ich erfuhr, ist das der Terminus für Vereinsmitglieder, die in möglichst detailgetreuer Kleidung zur Festlichkeit erscheinen. Gut eintausend Jahre waren die Semnonen die unumstrittenen Herren zwischen Elbe und Oder, von der Ostseeküste bis zu den Mittelgebirgen. Über Jahrhunderte hinweg war dies das „heilige Land“ aller semnonischen Abkömmlinge, egal ob sie dem Volk der Hermunduren, Markomannen, Quaden oder Allamannen angehörten.

Ratsversammlung im Langhaus, das Thing

Es war erfreulich zu sehen, wie sich Gannahall durch ehrenamtliche Arbeit in den letzten Monaten weiterentwickelt hat. Langsam kam auch beste Stimmung unter den Besuchern auf, die ich auf die Gegebenheiten und den Ablauf vorbereitet hatte. Die Pilze und die Rostbratwürste schmeckten vorzüglich, noch besser war der heiße Met, der die notwendige Wärme von innen wiederbrachte.

Leider entfiel für uns das eigentliche Highlight des Abends, das große Winterfeuer in Gannahall mit seinen ritualen Darbietungen, was von den extra aus Berlin, Potsdam, Teltow, Werder, Beelitz und Kloster Lehnin angereisten Teilnehmern als sehr ärgerlich empfunden wurde.

An der Schänke gab es heißen Met und Gegrilltes

Da z. Z. in Nauen keine Zugverbindung existiert, waren wir gezwungen, das Fest spätestens um 19:30 Uhr fußläufig Richtung Bus 658, Hast. Bahnhof Nauen zu verlassen. Es war die letzte Möglichkeit, die Heimfahrt von Nauen anzutreten. Eine mehrfache Nachfrage bei den ‚Semnonen‘ ergab, dass dieses Feuer spätestens um 19:00 Uhr entzündet werden würde. Dem war leider nicht so. Wünschenswert wäre, solche Gegebenheiten bei einer künftigen Planung einzubeziehen, was ich Rico Krüger, dem Vereinsvorsitzenden, auch per E-Mail nachträglich mitteilte.

Es war ganz sicher nicht das letzte Mal, dass ich mit einer Wandergruppe diesen brauchtumspflegenden Verein zum Ziel meiner Wanderung oder Radwanderung machen werde…

Das große Feuer brennt zum Jul-Fest (Beispielfoto vom Vorjahr)

Für tiefgreifende Informationen verlinke ich hier auf die sehr gute Internetpräsenz des Semnonenbundes: https://www.gannahall.de/

Zu weiteren Impressionen der Tourenaufzeichnung führt dieser Link: https://www.komoot.com/de-de/tour/2721941030

Hier folgt die Instagram-Präsentation des Jul-Feuers 2025 vom Semnonenbund: https://www.instagram.com/reel/DSirjUYDT_e/?igsh=MWd0empocDByYnkxdQ==

Bernd F. Bernhard
Zertifizierter DWV-Wanderführer®
Ausbildung zum Natur- und Landschaftsführer (BANU)
Spezialisiert auf Mehrtages-, Nacht- und Radwanderungen