Vorab: wie sich herausstellen sollte, war ich heute mit einer recht dissonanten Gruppe, mit sehr unterschiedlichen Vorstellungen und Befindlichkeiten, im Westhavelland zur ‚Lady Agnes‘ am Gollenberg unterwegs.

Bei sehr schönem Radlerwetter starteten wir am Bahnhof Rathenow, der wie viele Bahnhöfe nur kleine Aufzüge bereithält, sodass ich mein E-Bike mit Hilfe von Teilnehmern über zwei Treppen bugsieren musste. Die morgendlichen recht kühlen Temperaturen, die mich am Hbf. Berlin über 70 min beim Umstieg zittern ließen, wichen zunehmend den warmen Sonnenstrahlen.

Die Radlergruppe vor dem Bismarckturm auf dem Weinberg (Foto: ©Bernd F. Bernhard)

Unser Weg führte uns zunächst über den Weinberg, einem Erholungspark, der 2006 Teil der Landesgartenschau war. Hoch oben thront der 1914 eingeweihte Bismarckturm, der zu seinen Ehren errichtet wurde. Im Wegelabyrinth war der Abzweig zur Weinbergbrücke leicht zu verfehlen, führt er doch, kurz vor einer Straße noch im Park gelegen, parallel zu dieser.

Von der sich in weiten Bögen futuristisch über die Havelarme schwingenden Weinbergbrücke, die einen fantastischen Blick über das Havelland, aber auch auf den von Warnemünde zur Optikstadt Rathenow versetzten Leuchtturm und das Wehr am Mühlendamm bietet, gelangten wir in den Optikpark. Die Brücke hat eine Länge von 248 m und führt in 10 m Höhe hinüber zum weltweit größten Brachymedial-Fernrohr seiner Bauart. In kurzen Sätzen informierte ich die Teilnehmer über seine Historie.

Leuchtturm von Warnemünde in Rathenow (Foto: ©Bernd F. Bernhard)

Wegen eines verschlossenen Tores im Optikpark umrundeten wir das Stadion am Schwedendamm und statteten dem Geburtshaus des optischen Industriellen Johann Heinrich August Duncker, dem Gründer der späteren Rathenower Optischen Werke, sowie der Ev. St. Marien-Andreas-Kirche, nebst dem danebenliegenden Fachwerkhaus am Kirchplatz 5 einen Besuch ab.

Nach so viel Kulturellem ging es hinaus in die Natur und wir verließen Rathenow in nördlicher Richtung, überquerten den Rathenower Stadtkanal und fuhren weiter über einen naturbelassenen Weg parallel zur Rathenower Stremme. Sie ist ein Nebenfluss der Havel im NSG Untere Havel Nord und mündet nach 4,5 km bei Göttlin in die Havel. Das Befahren ist ausschließlich Paddlern und Ruderern erlaubt.

An der Rathenower Stremme (Foto: ©Bernd F. Bernhard)

Über Felder und Wiesen folgten wir dem Heuscheunenschlagweg zu den Dorfkirchen von Spaatz und Rhinow. Hier setzte ich wieder die Teilnehmer über den geschichtlichen Werdegang der Dörfer und ihrer Kirchen in Kenntnis.

Bei km 29,4 erreichten wir das Lilienthal-Cenrum in Stölln und legten eine größere Pause mit kleiner Stärkung, Getränken und einer Visite der ‚Lady Agnes‘ ein. Bei ihr handelt es sich um eine Interflug Iljuschin Il-62, in der u.a. ihre Landung auf dem kleinen Feld im Film dokumentiert wird. Hier am Fluggelände des Fliegerparks, auf dem Gollenberg, wurden die weltweit ersten Flugversuche unternommen, bei der Otto Lilienthal wegen einer Sonnenbö (Aufwind) im Alter von 48 Jahren nach einem Absturz einen Tag später an seiner Wirbelsäulenverletzung in einer Berliner Klinik verstarb. Da sich die überwältigende Mehrheit der Teilnehmer gegen einen Besuch der Ausstellungen entschied, hatten leider die Interessenten das Nachsehen. Ganz sicher ist ein Besuch der Ausstellungen für Interessierte äußerst informativ.

Am Fliegerpark in Stölln (Foto: ©Bernd F. Bernhard)

Ein ärgerlicher Fehler, auf Grund meiner sich aufgehängten FahrradApp (Bosch) bei der Einkehr im Fliegerpark, führte uns über die Landkreisgrenze ein kurzes Stück hinaus und nach Ostprignitz-Ruppin hinein, wo ich am Kleinen Havelländischen Hauptkanal den Irrtum auf dem sonnenbeschienenen Display bemerkte. Hier musste ich die Gruppe leider bitten, mit mir zurück zur ursprünglich geplanten Route zu fahren. Dadurch bot sich uns immerhin noch ein fantastischer Blick auf den Gollenberg, an dem Lilienthal tödlich verunglückte.

Es folgte ein totales No-Go: als ich mich erneut auf der Karte orientierte, glaubte ein Teilnehmer, er müsse nun die Führung der Gruppe übernehmen, um gleich darauf einen anderen, als den von mir geplanten Weg einzuschlagen. Ich machte ihn umgehend mit sehr deutlichen Worten klar, dass dieses Verhalten mir gegenüber untragbar wäre und eigentlich den sofortigen Ausschluss von der Radwanderung bedeuten müsste. Ich habe ihn auf Grund dieses groben Fehlverhaltens für künftige Teilnahmen gesperrt bzw. blockiert. Schließlich fiel dadurch ein von mir eingeplantes Highlight am Seeufer des Witzker Sees und der Dorfkirche für die gesamte Gruppe aus.

Im Nachhinein betrachtet, war dieser Vorfall nach mehr als zehnjähriger Wanderleitertätigkeit geeignet, einige Lehren für mich daraus zu ziehen, was bei homogenen Gruppen nicht so ohne weiteres möglich ist. Um so mehr freute ich mich über die aufmunternden Kommentare, die mich tags darauf erreichten: „Manchmal läuft es nicht ganz rund und allen kann man es sowieso nicht recht machen….“ oder „Trotz kleiner Umwege hat es mir sehr gefallen. Also nochmal vielen Dank für alles!“

Wiesen mit zahlreichen Kranichen (Foto: ©Bernd F. Bernhard)

Nach dieser unerfreulichen Episode fuhren wir auf der vorgegebenen Route weiter über Schönholz in Richtung des Ortes mit dem lustigen Namen ‚Wassersuppe‘, am Nordufer des Hohennauener Sees gelegen. Hier befindet sich auch eine Badestelle.

Weiter fuhren wir auf dem Wallweg über den Deich, der einen wunderbaren Blick auf den Hohennauer See gewährt. Allerdings muss man seinen Blick überwiegend nach unten richten, um die schmale Spur des Singletrails nicht zu verlassen.

Hohennauener See bei Wassersuppe (Foto: ©Bernd F. Bernhard)

So erreichten wir Hohennauen und nahmen Kurs zurück nach Rathenow. Eine kleine Gruppe kehrte mit mir zum Abendessen in den stadtbekannten Märkischen Bierstuben ein, ein weiterer Teil zog es vor, in der Alten Schmiede einzukehren, während es die übrigen Teilnehmer schon Richtung Bahnhof zog. Kaum hatten wir Platz genommen, schlug das Wetter um und es regnete. Die wenigen Meter zum Bahnhof konnten wir dann wieder, ohne nass zu werden, relaxt meistern.

In den Märkischen Bierstuben (Foto: ©Bernd F. Bernhard)

Weitere Impressionen zu dieser Radwanderung finden sich in der WanderApp komoot: https://www.komoot.com/de-de/tour/2894148613?comment=30437778

Bernd F. Bernhard
Zertifizierter DWV-Wanderführer®
Ausbildung zum Natur- und Landschaftsführer (BANU)
Spezialisiert auf Mehrtages-, Nacht- und Radwanderungen